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Was in aller Welt ist slow craft? II

dies ist die große Frage. Wodurch zeichnet sich slow craft eigentlich aus? Dadurch, dass ich alles mit der Hand mache, keine Maschinen benutze? Also Handspindel vor Spinnrad und selbst gesponnenes vor gekauftes Garn? Selbst nähen vor Kaufen? So ganz kann es das ja wohl nicht sein.

Das denkt sich auch sharon b von in a minute ago. Bei ihr geht es letztendlich um den bewussten Umgang mit der Materie. Darum, dass man sich Gedanken macht und nicht nur einfach 5 Minuten Geschenke hinpfuscht. Zwei weitere, die dieses Grundprinzip leben sind Jude Hill von spirit cloth und what if und Karen Ruane von contemporary embroidery. Auf allen drei Seiten treibe ich mich nun schon seit Wochen offenen Mundes und Geistes herum und versuche mich inspirieren zu lassen ohne zu kopieren. Bislang sind meine inspirierten Versuche allerdings eher genau das, aber die drei haben ihre Kunst ja auch nicht in ein paar Wochen entwickelt, also Geduld, meine Liebe.

Jedenfalls zeigt sich bei ihnen sehr schön eine Seite der slow craft.  Die gedankenvolle Beschäftigung mit allem was sie fabrizieren (diesen Prozess kann man nicht mehr als herstellen bezeichnen, zu detailiert, zu inspiriert arbeiten die drei Damen und zu sehr klingt Herstellung nach Industrie). Immer und immer wieder werden dieselben Sachen in die Hände genommen und immer wieder wird an ihnen weitergearbeitet oder Stücke, die als nicht gelungen angesehen werden, werden auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Alles was sie handwerken enthält eine Geschichte.

Nun waren sharon b's Ausgangspunkt diese Fertigprodukte, die Handwerken zu einem Zusammenkleben von Fertigteilen verkommen läßt und deren Lebensdauer in etwa der Dauer ihrer Produktion entspricht, sozusagen "crafty fast food" als das genaue Gegenteil von slow craft. Ich muss gestehen, mir entgeht der Sinn dieser Dinge und es ärgert mich manchmal, dass man nicht einmal mehr in einen angeblich gut bekannten und gut sortierten Quiltladen gehen kann ohne dort schräg angesehen zu werden, weil man a) alles mit der Hand näht und b) nicht eines dieser dummseligen Kits haben will, wenn einem einfach nur eine Farbe fehlt, die man dann halt mit einem neuen Stoff ergänzen muss. Auch der Gedanke, dass ich an einem Mantel arbeite hat die Verkäuferin dort ziemlich durcheinander gebracht. Aber es sei jeder selbst überlassen, wie sie ihre Hobbies betreibt - Leben und leben lassen. Nur mit craft und gar mit slow craft hat das nun wirklich nichts mehr zu tun.

Wobei ich damit nicht meine, dass slow craft nun ausschließlich mit der Hand genäht werden müsse. Das liegt nun auch nicht jeder. Ich meine damit aber, dass jedes Teil, das man fertigt einen berühren solle und eine wichtige Rolle im Leben spielen muss. (Mit ein Grund, warum ich Handgearbeitetes nur noch an Menschen verschenke, die es zu schätzen wissen). Womit ich auch zu meinem persönlichen Steckenpferd (seit einiger Zeit) komme: Nachhaltigkeit.

Was nutzt mir die ganze schöne slow craft-Bewegung, wenn ich doch nun wieder alles neu kaufe und damit wieder zur ökologischen Wildsau werde? Und was nutzt es mir, wenn ich einerseits alles mögliche mit der Hand arbeite, andererseits aber dann doch wieder in den sweatshop gefertigten T-Shirts und Hosen rumlaufe?

Doch wer ist schon perfekt, frage ich mich. Und dieser Teil des Ganzen fällt nun wirklich am schwersten. Wie gesagt, auch ich gehe dann doch einmal in einen Quiltladen um mir irgendeinen neuen Stoff zu kaufen, weil mein Stofflager aus alten Stoffen und Kleidungsstücken nun nur selten Gelb hergibt und ich es nun eben "eilig" habe mit einem Projekt weiterzumachen und ich mir halt Gelb einbilde.
gemeint ist der Stoff für jenes Teil:
,
es musste ja unbedingt gelb sein und ich musste es "sofort" haben und nicht erst auf den nächsten Flohmarkt warten, in der Hoffnung dort das passende Gelb zu finden.

Dies soweit erst einmal von mir. Ich könnte dazu Romane schreiben und wer mich kennt, weiß, ich höre nicht so schnell von alleine auf, wenn ich erst einmal auf einem meiner Steckenpferde sitze. ;o) Kommentare? Meinungen?

Handspindel 09.06.2008, 19.53

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Bettina

eigentlich kennst du ja meine meinung schon so in etwa, oder? :) ich lebe so etwa nach dem motto: jeder muss nach seiner facon selig werden. ich hab aufgegeben, andere bekehren zu wollen, nur noch ganz selten geht mir so der hut hoch, dass ich "explodiere" und kommentieren muss. aber ich versuche fuer mich selber, den weg zu finden, der mir und vielleicht auch anderen freude bringt, moeglichst wenig negativen einfluss auf mitmenschen und umwelt nimmt usw. totaler fanatismus bringt mich nicht wirklich weiter, aber ich gestatte mir, fuer mich selber zu entscheiden, was fuer mich machbar ist und wo es mir einfach zu weit geht - sei es preislich (manche sachen muss man auch als selbermacher leider kaufen) oder auch mit dem aufwand verbunden, den ich treiben muesste usw. ich mache meine crafts oder handarbeiten oder wie auch immer genannt schon sehr lange, habe vieles ausprobiert und werde sicher auch weiter neues antesten. ich mache viel fuer andere - aber wie du immer weniger oder garnichts mehr fuer leute, bei denen ich das gefuehl habe, dass es ihnen sowieso egal ist! wenn ich was mache, ist es immer "slow craft". es beginnt mit der ueberlegung, was ich fuer eine person machen koennte (manchmal kommt allerdings auch die idee und die ausfuehrung und erst dann finde ich ein geeignetes "empfangsopfer" :D ). dann das hin und her, welches material, welche farben, welche technik. dann die proben fuer das modell - am ende dann das modell selber. selbst bei kleinen stuecken kommt da schon ordentlich zeit zusammen! hingeschustertes liegt mir nicht, dann komm ich lieber zu spaet mit einem geschenk! natuerlich kaufe ich auch material - aber ich verwende, so weit ich kann, auch "altes", recyceltes usw. wuerde ich z.b. anfangen, meine seidenraupen in den mengen, die ich verspinnen will, selber zu halten - waere es eine superslow craft - weil ich jahre braeuchte, bis ich genug zusammenhaette... also ein kompromiss: ich kaufe die seide, mache aber alles andere selbst! und so ist das bei mir bei allen dingen, es lebe das machbare (genug rant :) )

vom 12.06.2008, 15.35
1. von gudrun

Hallo,
danke für die Denkanstösse in den beiden Beiträgen. Ich denke, jede kann nur für sich entscheiden, was SlowCraft oder auch "entschleunigen " bedeutet. Natürlich ist jede Handarbeit auch Kopfarbeit und Seelenmassage...mal mehr mal weniger. Und ein mit Ruhe gesponnener Faden fördert bestimmt das bewußte umgehen mit dem Material. Beim Handarbeiten "befaßt" jeder sich mit dem was und wie es getan wird. (hach,was für schöne Wort-Gedankenspiele :D ). Sich für etwas Schönes Zeit zu nehmen, es entstehen zu lassen, und zu nutzen,verschenken, ansehen...daß ist doch mehr Zen als jeder bewußt wahrnimmt, oder??!!In einer der Regeln des Buddhismus steht, daß wir uns vor dem Lebensmittel verneigen und bedanken sollten, um uns bewußt zu machen, was zubereitet wird, also in gewisser Weise Ehrfurcht erweisen...(klingt hochtrabend ist aber ernstgemeint)
Das kann frau auch auf alle anderen Lebensbereich anwenden, sich "bewußt" machen, was getan wird und es ernst nehmen und nicht einfach " nebenher" ..." mal eben" oder " lieblos" angehen..wenn das selber machen eine Qual ist,oder lästig...dann doch fertig kaufen und sich daran freuen.
Auch Dinge die "schnell" fertig sind, weil jemand einfach mehr Zeit oder Erfahrung oder dickeres Garn nimmt oder eine Nähmaschine oder das Spinnrad statt der Handspindel sind meiner Meinung nach nicht weniger wert oder wichtig oder gut ,als bewußt langsam produzierte. Es geht doch um die Freude die ich beim Arbeiten mit dem Material habe und es ist von Stimmung und Plan abhängig, ob ich was "schnelles" mache, oder was "langsames" wobei jea jeder Tempo selber definiert. Was ich vielleicht als langsam empfinde ist für andere sehr schnell und umgekehrt genauso.Ich glaub Vergleiche anzustellen ist da total fehl am Platz.Es zählt das eigene Empfinden.
Was meint Ihr dazu ??
lg gudrun

vom 10.06.2008, 16.11
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