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Färbebücher: Kökboya

 

Kökboya. Naturfarben und Textilien
Harald Böhmer, Nevin Enez, Recep Karadağ, Charlotte Kwon
2002 REMHÖB-Verlag Dr. Harald Böhmer, Ganderkesee

ISBN 3-936713-00-6

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'Kök boya' kommt aus dem Türkischen und bedeutet wörtlich 'Wurzelfarbe' wird im Allgemeinen aber für 'Naturfarben' verwendet. 1960 reiste Harald Böhmer mit seiner Familie in die Türkei um an der Deutschen Schule Istanbul eine Stelle als Lehrer anzutreten. Über deren Direktor kamen seine Frau und er in Kontakt mit den alten Knüpfteppichen Anatoliens deren Farben als eski (alt) und kökboya bezeichnet wurden, womit sein Interesse an Naturfarben geweckt war. Als Chemiker interessierten ihn natürlich auch immer die chemischen Eigenschaften der Farben, und so enthält Kökboya auch viele Artikel in diese Richtung.

 

1981 gründeten Böhmer und seine Frau mit etlichen anderen (u.a. auch den Mitarbeitern des Buches) zusammen das DOBAG Projekt, an dem inzwischen über 20 Dörfer in Anatolien beteiligt sind. Dort werden Knüpfteppiche mit Naturfasern und Naturfarben hergestellt, die bestimmten Anforderungen entsprechen müssen. Außerdem ist das ganze genossenschaftlich organisiert und der Erlös aus dem Verkauf der Teppiche geht direkt zurück an die Genossenschaften und damit an die (meist) Frauen in den Dörfern.

 
Leider wird in dem Buch nur sehr wenig über das DOBAG Projekt berichtet (und ich ärger mich immer noch, dass ich die DVD des Projektes nicht in La Rochelle gekauft habe).

 

 

Kökboya ist nicht aus der Sichtweise eines Touristen geschrieben. Böhmers Betrachtungen über die Naturfarben insbesondere in der Türkei und den angrenzenden Staaten des Nahen Osten stammen aus jahrzehntelangen Reisen und Forschungen zu diesem Thema. Er hat eng mit Helmut Schweppe zusammengearbeitet und viele Informationen aus dem Raum Indien stammen von Charlotte Kwon von Maiwa.

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Diese Vorgeschichte konnte ich der ausführlichen Einleitung entnehmen, auf die ein Kapitel über die physikalische und historische Betrachtung von Farbe und Farben folgt. Böhmer beschreibt darin die Physik hinter Farben und Farbwahrnehmung ebenso wie die Bezeichnung für Farben in unterschiedlichen Sprachen und geht auf Farbsysteme ein. Der Farbkreis über das physikalische Spektrum hinaus ist nämlich nicht so eindeutig wie man vielleicht annehmen mag, sondern hängt von der Weltsicht des jeweiligen „Erfinders“ ab. Mit Vorsicht beschreibt er Goethes Farblehre näher um sie später in ein gewisses naturwissenschaftliches Licht zu rücken. Hat das menschliche Gehirn doch stellenweise spaßige Anwandlungen in der Optik. Man nehme nur den Simultankontrast, bei dem eine Farbe unterschiedlich wahrgenommen wird, je nachdem in welchem Farbumfeld sie sich befindet.

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Das darauffolgende Kapitel mit Fotos von unterschiedlichen naturgefärbten Textilien und einer genauen chemischen Beschreibung der Farben freut mich besonders. Im fünften Kapitel werden die einzelnen Methoden der Farbanalyse näher beschrieben. Leider fehlt mir ein wenig der Hinweis auf die Fehlbarkeit dieser Methoden, wenn man sich nur auf die chemischen und phsyikalischen Analysen verläßt. Da mein eigenes Wissen über diese Farbanalysen nur aus zweiter und dritter Hand stammt, benötige ich jemanden Erfahrenen, der mich auf diese Problematik aufmerksam macht. Diese Erfahrung fand ich bei Elizabeth Wayland Barber. Sie beschreibt nämlich in ihrem Buch über die Mumien von Urumchi, dass bei der chromatographischen Analyse der Textilien Purpurin und Brom gefunden wurden, was auf natürliches Schneckenpurpur hindeuten würde. Allerdings ist das nächste Meer in jede Richtung ca 2000 km von der Fundstelle entfernt. Schneckenpurpur hätte also von sehr weit her transportiert werden müssen. Nicht ungewöhnlich, wenn es sich um geringe Mengen gehandelt hätte, aber in größeren Mengen dann schon wieder unwahrscheinlich. Dann erinnerten sie sich daran, dass das Himalaya-Gebirge irgendwann einmal Meer war. Ist schon länger her, so ca. 40 bis 50 Millionen Jahre, eben noch bevor es durch den tektonischen Drift nach oben gefältelt wurde, aber es sind immer noch ausreichend Meeresspuren auf chemischer Ebene vorhanden, die die textilen Reste der Mumien durchdringen konnten. Also stammten die roten Farben mit ziemlicher Sicherheit nicht von Schneckenpurpur ab, sondern aus dem indischen Krapp (Rubia cordifolia), das im Gegensatz zum gewöhnlichen Krapp (Rubia tinctorum), der Alizarin und Purpurin enthält.

 

Im nächsten Kapitel werden Faserarten beschrieben, die für mich vor allen Dingen wegen so spannender Fasern wie Ananas, Manila-Hanf und Dayak Bast interessant waren. Und es gibt wunderschöne Fotos von Seidenschmetterlingen. Die Informationen über Textilarten (von Filz bis Gewebe) und deren Herstellung im darauffolgenden Kapitel sind fundiert und für eine solche Zusammenfassung doch recht ausführlich. Für mich als vorwiegend Spinnerin waren natürlich die (korrekten!) Erwähnungen und Beschreibungen einzelner Spindelarten besonders interessant.

 

Vor dem eigentlichen Hauptkapitel über die Färbepflanzen der Türkei gibt es noch eine kurze Einführung in die Naturfärberei, das Beizen und die chemische Analyse der Naturfarben.

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Über die nächsten Hundert Seiten werden dann Pflanzen- und Tierfarben aus der Türkei und dem Nahen Osten vorgestellt und nach ihrer Nutzung als Färbepflanze bewertet und eingeordnet. Es gibt Fotos oder Zeichnungen der Pflanze, wenn möglich Bilder der färbenden Pflanzenteile, die färbewirksamen Inhaltsstoffe werden aufgelistet, sowie die Methode des Färbens (Direkt-, Beizfärbung, Küpe), die Farbergebnisse und ob die Farbe lichtecht ist. Schließlich gibt es ein Kurzsystem, ob die Farbe in ihrer Verwendung empfohlen wird oder nicht.

 

Nehmen wir als Beispiel Alkanna. Die Extraktion mit Alkohol wird genau beschrieben, ebenso die spätere Färbung. Die Lichtechtheit wird als 'unzureichend' beschrieben und Alkanna wird daher von den Autoren als nur bedingt empfehlenswert für die professionelle Färberei eingestuft.

 

Bestimmte Pflanzen werden zwar teilweise oder auch genau beschrieben, aber wegen ihrer Giftigkeit als nicht empfehlenswert eingestuft, wie z.B. Digitalis-Arten. Obwohl sie ausreichende Mengen Luteolin (Hauptfarbstoff in Färber-Wau/Reseda) enthalten und damit ein lichtechtes Gelb erzeugen.

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Im vorletzten Kapitel wird schließlich näher auf das Färben an sich eingegangen. Obwohl Böhmer und seine Kollegen und Kolleginnen durchaus viele Jahre praktische und auch experimentelle Erfahrung mitbringen, landen wir hier wieder bei den üblichen 15-25% Alaun (von denen ich gar nichts halte) und Beizen mit Eisen- und Kupfersulfat (was ich immer ein bisschen bedenklich finde, zumindest das Kupfersulfat). Spannend ist seine Bemerkung, dass eine Nachbehandlung mit 3% Kaliumkarbonat (Pottasche, K2CO3) eine Farbvertiefung bei Wolle erreicht. Als Ersatz würde in der Türkei auch Aschewasser verwendet, weswegen der farbvertiefende Effekt wohl eher von dem hohen alkalischen Gehalt abhängig sein dürfte.

 

Wie immer sollten die Färberezepte also mit einem Schuss guten Menschenverstandes und eigener Erfahrung betrachtet werden.

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Ich hatte das große Glück, das Buch für unter 50 EUR zu bekommen, denn die knapp 130 EUR, die normalerweise dafür aufgerufen werden, waren mir immer zuviel. Im Großen und Ganzen ein wundervolles Buch, aber kein Ersatz für Cardon oder Schweppe (letzterer leider OOP und Cardon nur auf Englisch oder Französisch und beide nur selten unter 100 EUR zu bekommen). Die beschriebenen Pflanzen sind für unsere Bedürfnisse zu sehr auf die türkischen Färberinnen ausgerichtet um allgemein von Nutzen zu sein. Auch wenn natürlich einzelne Pflanzen problemlos bei uns wachsen und sogar heimisch oder bei uns erhältlich sind. Trotzdem ist die Beschreibung der Pflanzen hinsichtlich ihrer Färbekapazität und -verwendbarkeit durchaus interessant und hilfreich. Man wünscht sich mehr solche Bücher. Oder vielmehr wünschte ich mir, Dominique Cardon hätte ihre Bibel des Naturfärbens so übersichtlich gestaltet, denn die Informationen sind auch bei ihr enthalten … irgendwo … man muss sie nur finden. Irgendwas ist halt immer.

 

Ich denke, gerade für den Preis ist Kökboya eher ein Luxusbuch. Kein Muss, kein Grundwissen- oder grundlegendes Buch, es ist mehr als nur schön anzusehen, aber es ist zu spezialisiert um allgemein informativ zu sein. Ich freue mich, es günstig(er) gefunden zu haben und werde sicherlich immer wieder gerne in ihm lesen und nachschlagen, hätte aber auch gut ohne weiterleben und -färben können.

 

Handspindel 12.11.2011, 10.01

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Defne

Schön das zu lesen. Das Buch haette ich auch gerne. Mein Mann und ich hatten in der Türkei ein Teppichgeschaeft und Böhmer ist allen etwas gebildeten Teppichhaendlern natürlich ein Begriff. Die ganz alten naturfarbenen Teppiche und Kelims sind wirklich wunderbar anzuschauen und natürlich auch die Neuproduktion aus naturgefaerbter Wolle.
Ich bin hier seit einiger Zeit regelmaessige Leserin weil ich auch versuchen möchte selbst Wolle zu faerben. Ich hatte mir eine ganze Menge naturgefaerbte Wolle vom Teppichhaendler gekauft aber die ist etwas sehr kratzig und auch oft verknotet und deswegen für Kleidung schlechter geeignet.
Grüsse aus der Türkei
Defne

vom 19.11.2011, 09.05
Antwort von Handspindel:

Schön von dir zu lesen, Defne *s* Und danke für deinen Kommentar. Wenn du sogar in der Türkei lebst, dann würde ich die Augen bei amazon und abebooks immer mal wieder aufhalten. Ich hatte Glück mit dem Preis, da hatte wohl jemand seine (oder im Nachlass) eine private Bibliothek aufgelöst, denn ich habe zwei Büchervom selben Händler erworben (weil sie so relativ günstig waren) und beide haben Bibliothekszeichen dran. Aber nicht von einer öffentlichen Bib. Ich denke, sowas kann immer mal wieder auftauchen, man muss nur Glück haben. Ich werde weiterhin über das Färben schreiben, bleib dran ;o) 
1. von Bettina

deswegen hab ich es mir auch nicht gegoennt... aber das ultimative faerbebuch - ist ungefaehr so wie die eierlegende wollmilchsau - muss noch erfunden werden :) bis dahin bleibt leider nur die moeglichkeit, seine regale mit diversem vollzustellen und nach bedarf buddeln zu gehen....

vom 12.11.2011, 15.04
Antwort von Handspindel:

das sehe ich ähnlich. es hängt halt immer von der betrachtungsweise ab. von daher haben Böhmer und seine kollegInnen keine schlechte arbeit geleistet. aber die eierlegende wollmilchsau ist es halt immer noch nicht. dem kommt Cardon noch fast am nächsten.

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