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DVD Besprechung: Handspinning Rare Wools
Dies wird leider ein absolut bilderfreier Eintrag, denn es geht um ein Video. Genauergenommen um einen Videodownload von Interweave.
Eine Vorschau auf das Video kann man bei YouTube oder bei Interweave sehen. (Bei Interweave gibt es auch den Ausschnitt über die North Ronaldsays)
Mit diesen Videodownloads hat mich Interweave wirklich gekriegt. Und die Fall 2011 Ausgabe der SpinKnit hat dahingehend auch mal wieder ihren Zweck nicht verfehlt. Sobald ich den Bericht über die North Ronaldsay Schafe von Deborah Robson dort sah, wusste ich, das Video muss ich haben.
Handspinning Rare Wools befasst sich mit den als selten geltenden Rassen auf den Britischen Inseln und in Nordamerika. Warum befasst sich Deb Robson nur mit diesen? Weil genau das die Schafrassen sind zu denen sie Zugang hat. Ganz einfach.
Deb Robson beschreibt in diesem Doppelvideo (als DVD ist es eine Doppel-DVD) über 2 Stunden mit Rassen von den Northern European Short Tails, die mit den Wikingern und Dänen auf die Britischen Inseln gekommen sind bis zu den von den Römern eingeführten Downsrassen. In Nordamerika bringt sie den Zuschauern spannende Rassen von den wild lebenden Hog Island Sheep (die so gut wie ausgestorben sind) bis hin zu den Navajo Churro näher. Sie zeigt Beispiele von Vliesen, ungewaschen und gewaschen. Sie experiemtiert vor laufender Kamera mit ihr noch unbekannten Mustern und sie erzählt sehr viel und ausführlich über die einzelnen Rassen. So viel, dass ich nach der ersten Hälfte erst einmal eine Pause machen musste, weil ich wirklich keine Information mehr aufnehmen konnte.
Was dieses Video auszeichnet ist Deb Robsons sehr emotionale Hingebung an den Erhalt der genetischen Vielfalt. Mehrfach verschlägt es ihr die Stimme und sie muss Tränen unterdrücken. Und ich finde es wundervoll, dass diese Szenen im fertigen Video geblieben sind, denn sie lassen ihre Begeisterung für das Thema nur noch ehrlicher und wirklicher werden.
Deb Robson kennt sich mit Spinnen, Schafen und Fasern aus. Sie spinnt seit 40 Jahren, sie war Chefredakteurin der Spin Off über viele Jahre, hat mit (meiner persönlichen Heldin) Priscilla Gibson Roberts zusammengearbeitet und hat selbst etliche Bücher herausgebracht. Auch wenn sie sich auf die Schafe der Britischen Inseln und Nordamerikas beschränkt, kann auch die deutsche Zuschauerin noch viel lernen. Denn letztendlich ähnelt sich die Herangehensweise an ein dual coated Schaf. Ob ich nun ein St Kilda Schaf habe oder eine Skudde oder eine Heidschnucke, letztendlich muss ich mit Deckhaaren, Granen und Unterwolle rechnen und umgehen lernen. Mit großer Begeisterung zeigt Deb Robson wie sie die Haare von der Wolle trennt und schließlich kämmt (sie ist eine begeisterte Benutzerin der kleinen und stationären Kämme) und spinnt. Sie spinnt auch die langen drahtigen Haare und wirkt geradezu enthusiastisch wenn sie von einem gehäkelten Körbchen spricht, das sie daraus machen würde.
Überhaupt kann man von ihrer Technik noch viel lernen. Vor allen Dingen weil sie einen absolut unorthodoxen und undogmatischen Zugang hat. Was hilft hilft. Sie versucht nicht auf ein bestimmtes Ziel hinauszuarbeiten, sondern überläßt den zum Teil sehr herausfordernden und spannenden Vliesen die Führung und schaut zu was dabei herauskommt. Ihr Umgang mit Kämmen und Handkarden ist leicht und unprätentiös. Und (wie Judith McKenzie) spinnt auch sie gerne direkt von den Kämmen oder den Karden weg. (Eine Technik, die ich übrigens der Nicht-Produktionsspinnerin empfehlen kann, denn die gleichgerichteten Fasern bleiben so gleichgerichtet und werden nicht erst wieder durcheinandergebracht.)
Am Ende möchte man mit ihr zusammen mitheulen über den drohenden Untergang der genetischen Diversität. Aber noch mehr als Deutsche, die sich die in Deutschland heimischen 17 (!) Schafrassen anschaut (in Großbritannien sind es 60!). Zu sehr wurde hier gerade in den 1920er bis 1940er Jahren auf Fleischertrag und Wollmasse hingearbeitet. Zu sehr wurde auch später noch die genetische Vielfalt ausgemerzt, zugunsten industrieller Standards und Verarbeitung. Da ich aus einer alten Schäferfamilie aus der Rhön stamme, weiß ich zB, dass schon zu Beginn des 20. Jhd die Rhönschafe durch Merinos ersetzt wurden. (Ein Projekt, das Anfangs schrecklich daneben ging, weil Merinos eben nicht gut in der Rhön leben können.)
Deb Robson bezeichnet Schafe als 'one package survival kit'. Sie sind anpassungsfähig, können auf den kargsten Böden überleben und wurden deshalb im 18. Jhd gerne von den Forschungsreisenden auf einsamen Inseln zurück- und sich selbst überlassen. (So entwickelten sich dann wahrscheinlich Rassen wie das Santa Cruz Schaf.) Wer auf diese Inseln zurückkam oder dort strandete fand in der Regel eine sich selbst versorgende Einheit vor, die Fleisch, Milch und Wolle lieferte.
Gerade diese Anpassungsfähigkeit der Schafe ist es, die wir auch für zukünftige Generationen erhalten sollten. Bei einem sich verändernden Klima ist es einfach nicht zu verantworten, wenn wir die genetische Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt einfach so unter den Tisch fallen lassen. Der standardisierte Weizen, der nun noch hier wächst, kann unter Umständen in 100 Jahren hier nicht mehr überleben, wohingegen heimische Arten, die sich auf bestimmte Regionen spezialisieren, auch den Wandel im Klima mitmachen können. Man sehe sich nur das eingangs erwähnte North Ronaldsay Schaf an, das im 19. Jhd dazu gezwungen wurde im Tidenbereich der Insel zu überleben. Über nur wenige Generationen hinweg gelang es ihnen sich nahezu ausschließlich von Seetang zu ernähren und gut auf sich selbst aufzupassen. Diese Vielfalt und Anpassungsfähigkeit ist es, was erhalten werden muss. Auf den Britischen Inseln wie hier in Deutschland.
Aber ich lasse mich von Deb Robsons Enthusiasmus davontragen.
Wie man merkt, ist ihre Begeisterung und Freude am Experimentieren ansteckend. Und allein deswegen lohnt sich die Anschaffung des Videos.
Ich weiß, auch ich habe gerne auch meine digitalen Medien in der Hand. Wenn ich allerdings die höheren Kosten der DVD-Version bedenke, mit dem immensen Porto nach Deutschland addiere und dann vielleicht mich noch mit dem Zoll auseinandersetzen muss (auch wenn ich nichts zahlen muss, es ist trotzdem wieder ein Weg mehr), dann habe ich lieber den Download. Und auch wenn mir die raffgierige Politik Interweaves seit ihrem Verkauf nicht mehr zusagt, so waren die eMags und die Videos im Download doch eine gute Idee.
Handspindel 07.12.2011, 12.31
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